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Froschgifte als Medizin?

Viele Pfeilgiftfrösche wie zum Beispiel Dendrobates granuliferus aus Costa Rica, besitzen toxische Hautsubstanzen, die sich pharmakologisch nutzen lassen könnten. Foto: Axel KwetEines der bekanntesten Amphibiengifte ist das neurotoxisch wirkende Batrachotoxin (von griechisch batrachos: Frosch) der süd- und mittelamerikanischen Baumsteigerfrösche (Familie Dendrobatidae). Die oft phantastisch bunten Dendrobatiden werden bei uns meist als Pfeilgiftfrösche bezeichnet, da Indios deren Hautgift, neben dem pflanzlichen Curare, früher zum Vergiften der Pfeile für die Jagd nutzten. Heute freilich finden auch im Urwald modernere Jagdwaffen Verwendung. Außerdem sind es gerade einmal drei Arten der Gattung Phyllobates (von etwa 200 bekannten Dendrobatiden), die überhaupt genutzt wurden. Auf Grund ihrer Färbung sind Pfeilgiftfrösche begehrte Terrarienpfleglinge. Sie werden oft mit hohen Preisen gehandelt, denn in ihrer Heimat sind die meisten mittlerweile streng geschützt. Die Strategie vieler tagaktiven Dendrobatiden ist nicht Verstecken und Tarnen, sondern im Gegenteil, Auffallen um jeden Preis. Ihre im Dunkel des Regenwaldes wie Neon leuchtenden orangefarbenen, roten, gelben, grünen oder blauen Körper signalisieren Gefahr für mögliche Angreifer, denn ihre Hautgifte bestehen aus einem Cocktail verschiedener hochgiftiger Alkaloide, von denen das Batrachotoxin nur eines ist. Allerdings sind bei weitem nicht alle Pfeilgiftfrösche so bunt gefärbt und selbst viele der im Terrarium plakativ wirkenden Arten sind im natürlichen Lebensraum kaum auszumachen. Bei vielen Arten kann man daher wohl eher von Tarnfarben sprechen und manche sind tatsächlich kaum giftiger als unser Wasserfrosch. Nicht wenige Feinde lassen sich aber selbst von starken Giften nicht abschrecken. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Toxine bei vielen Dendrobatiden vor allem dazu dienen, Bakterien- und Pilzbefall der Haut zu verhindern

Als giftigster Frosch der Welt gilt der nur 45 mm lange Phyllobates terribilis. Der Schreckliche Pfeilgiftfrosch wurde von den an der Pazifikküste Kolumbiens ansäßigen Choco-Indianer für die Herstellung von Blasrohrpfeilen verwendet. Das starke Toxin ist für Menschen schnell tödlich, bereits 10 Mikrogramm des Giftes können letale Folgen haben und die Haut eines einzigen Frosches enthält genug Toxin, um 20.000 Mäuse oder 100 erwachsene Menschen zu töten. Nach Aussagen der Indianer soll ein vom Pfeil getroffener Mensch nur noch einige hundert Meter laufen, bevor er tot zusammenbricht. Das Gift wirkt vor allem auf Nerven und Muskeln; es unterbricht die Reizleitung und ruft Lähmungserscheinungen am Körper sowie der Atemorgane hervor. Eine weitere sehr giftige Art kommt ebenfalls in Kolumbien vor, Phyllobates bicolor, der zweifarbige Blattsteiger. Zur Giftgewinnung wurde dieser Frosch früher auf Stöckchen aufgespießt und über dem Feuer erhitzt. Ein Glück, dass es mittlerweile modernere Jagdgeräte gibt! Endgültig geklärt ist der Syntheseweg der Dendrobatiden-Gifte noch nicht. Früher wurde angenommen, dass in der Haut befindliche Bakterien die Toxine produzieren. Neuere Untersuchungen weisen aber eher darauf hin, dass die Frösche die Gifte aus Vorläufersubstanzen synthetisieren, die sie mit ihrer Beute aufnehmen. Unter Terrarienbedingungen verlieren Dendrobatiden in der Regel ihre Giftigkeit, da die natürliche Nahrung fehlt, also vor allem Ameisen, Termiten, Käfer und Tausendfüßer. Gummihandschuhe zum Herausnehmen der Tiere, wie vor 25 Jahren noch empfohlen, erscheinen heute übertrieben.

Viele Medikamente, die heute im Kampf gegen menschliche Krankheiten eingesetzt werden, stammen aus solchen pflanzlichen und tierischen Substanzen, die daher im Mittelpunkt so mancher pharmakologischer Untersuchungen stehen. Beispielsweise wird das aus einer Kegelschnecke isolierte Omega-Conotoxin mittlerweile erfolgreich in der Schmerztherapie eingesetzt - bei Patienten, denen Morphine keine Linderung mehr bringen. Die blutdrucksenkenden, heute Millionen von Menschen helfenden ACE-Hemmer wurden ursprünglich aus dem Gift von Lanzenottern (Bothrops) entwickelt und das gerinnungshemmende Gift einer asiatischen Grubenotter (Calloselasma) wird seit Jahrzehnten als Medikament zur Behandlung von Raucherbeinen genutzt. Sehr vielversprechend verliefen auch Tests zur Wundheilung in chronischen Fällen - mit dem Gift der gefährlichsten Schlange der Welt, des Taipans.

Der afrikanische Krallenfrosch, Xenopus laevis, besitzt wie viele Amphibien giftige Hautsubstanzen, die sich in Zukunft möglicherweise als Medikamente nutzen lassen. Foto: Axel Kwet
An der Universität Adelaide widmet sich eine australische Forschergruppe speziell der Gewinnung biologischer Wirkstoffe aus giftigen Froschlurchen. Mehrere Arten wurden bereits identifiziert, deren Haut antibiotische, antivirale oder neurologisch wirksame Substanzen enthält. Ein kürzlich in der Haut von australischen Laubfröschen der Gattung Litoria nachgewiesenes, schmerzstillendes Neuropeptid soll eine 2000-fach stärkere Wirkung als Morphin besitzen. Ein Vorteil dieses Froschtoxines ist, dass sie ein erheblich geringeres Suchtpotenzial als Morphine besitzen. Eine weitere, äußerst vielversprechende Substanz, ein antibiotisches Peptid aus der Haut des australischen Laubfrosches Litoria splendida, wirkt nicht nur gegen eine Reihe gefährlicher Bakterien, sondern auch gegen Herpes- und Aidsviren! Für viele weitere Substanzen sind klinische Studien bereits angelaufen. Jede pflanzliche und tierische Zelle ist Produktionsstätte einer Vielzahl chemischer Stoffe, aus denen sich jährlich Pharmazeutika im Wert von Milliarden Euros gewinnen lassen könnten. In den USA wurden bereits zahlreiche Patente vergeben und auch Firmen gegründet, die speziell auf die Entwicklung von Medikamenten aus Naturstoffen setzen. Die Chancen stehen gut, dass zumindest einige dieser Substanzen die kritische Testphase überstehen.

Der afrikanische Krallenfrosch (Xenopus laevis) sondert nach Adrenalingabe eine milchige, antibiotisch hoch wirksame Substanz ab. Eine aus diesem Hautsekret gewonnene Creme soll in Zukunft Fußgeschwüre bei Diabetikern heilen. Die antibiotische Wirkung von Froschgiften ist Menschen in vielen Regionen der Erde schon lange bekannt. In den ekuadorianischen Anden beispielsweise werden Kaulquappen auf entzündete Augen gelegt. Amerikanische und australische Wissenschaftler erhoffen sich von Fröschen gar Mittel zur Krebstherapie. In Tests mit Mäusen konnten die Forscher die wachstumshemmende Wirkung von Froschtoxinen bereits gegen verschiedene Tumorformen des Menschen nachweisen. Das geplante Medikament aus dem Magensekret des australischen Frosches Rheobatrachus silus zur Behandlung von Magengeschwüren wird allerdings keine Marktreife mehr erlangen, denn der Magenbrütende Frosch ist bereits kurz nach seiner Entdeckung ausgestorben. Artenschutz kann also auch ökonomisch interessant sein!